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Blätter systematisch anspielen & testen

Gleich vorweg: In diesem Artikel soll es nicht primär darum gehen, warum es sinnvoll ist, immer viele eingespielte Blätter zur Verfügung zu haben und regelmäßig neue Blätter einzuspielen.

Genau genommen geht es in diesem Artikel weniger um das Einspielen von Blättern, und mehr um das Anspielen selbiger. Dieser feine Unterschied wird später geklärt.

Wenn du wissen möchtest, wie du das Beste aus deinen Blättern herausholen kannst, dann lies weiter!

Die Ausgangssituation

Wenn ich ein neues Blatt zum ersten Mal anspiele, bekomme ich unmittelbar eine Rückmeldung: „Das Blatt spricht sehr leicht/schwer an“, „Das Blatt klingt besonders hell/muffig“ usw. Wenn ich ein altes Blatt anspiele, habe ich für gewöhnlich schon eine gewisse Erwartungshaltung, die sich in ähnlichen Dimensionen bewegt.
Es ist natürlich bekannt, dass sich jedes Blatt, egal von welchem Hersteller, und egal, ob aus natürlichem oder synthetischem Material, ziemlich einzigartig verhält. Ebenso ist klar, dass sich ein Blatt im Laufe seines Lebens verändert. Hinzu kommt, dass jedes Blatt, unabhängig vom Material, Umwelteinflüssen unterliegt und nicht immer konstante Ergebnisse liefert.
Es sind also einige Unbekannten im Spiel, wenn es um die Spieleigenschaften eines Blattes geht. Das gründliche und systematische Anspielen und Testen der Blätter kann mir Halt und Sicherheit geben. In letzter Konsequenz bin ich, ausgerüstet mit einem Pool gut funktionierender Blätter, sehr viel flexibler, und das Streben nach Flexibilität ist für mich ein allgemeingültiges Mantra in allen Belangen rund ums Saxophonspielen. Im Laufe der Zeit habe ich daher eine sehr effektive „Test-Session“ für Blätter konzipiert, die ich hier teilen möchte.

Einspielen vs. Anspielen

Aber klären wir zuerst die Begrifflichkeiten. Wie schon beschrieben, verändern sich die Spieleigenschaften eines Blattes im Laufe seiner Lebensspanne. Wenn ein Blatt gut eingespielt wurde, verhält es sich über einen relativ langen Zeitraum konstant (gut), bevor es dann irgendwann abbaut und nicht mehr gut funktioniert. Das Einspielen beschreibt also die Phase, in der ich ein Blatt für den „echten“ Einsatz aufbaue und vorbereite.

Das Anspielen ist hingegen ein kurzer Materialtest. Wenn ich z.B. ein Konzert in einem mir unbekannten Raum habe, spiele ich einige Blätter an, um herauszufinden, welches am besten auf den Raum passt.

Vorbereitung des Materials

Vor der Test-Session müssen neue Blätter vorbereitet werden:

  • Neue synthetische Blätter aus der Verpackung nehmen und mit lauwarmem Wasser und etwas Spülmittel vorsichtig reinigen. Anschließend mit klarem Wasser abspülen und trocknen.
  • Neue Holzblätter aus der Verpackung nehmen und für ein paar Minuten in lauwarmes Wasser einlegen.

Außerdem nimmst du deine alten Blätter genau unter die Lupe:

  • Gebrauchte synthetische Blätter bei sichtbarer Verschmutzung ebenfalls reinigen.
  • Beschädigte Blätter (Holz/Kunststoff) wenn möglich immer aussortieren.

Für die Test-Session benötigen wir mindestens drei, maximal zehn Blätter. Je mehr Blätter, desto anstrengender wird es.

Vorbereitung des Spielers

Spiel dich mit gewohntem Material und alten Blättern gründlich ein. Während der gesamten folgenden Test-Session gilt: Unbedingt auf demselben Mundstück und derselben Ligatur spielen!

Test-Session Teil I: Kurzes Einspielen neuer Blätter

Es geht los! Schnapp dir das erste vorbereitete neue Blatt und schnalle es auf. Mach dir keine großen Gedanken um das Aussehen („da ist ein dunkler Fleck auf dem Blatt – das wird NIEMALS gut klingen“). Spiel für ca. fünf bis maximal zehn Minuten auf dem Blatt. Im Prinzip kannst du spielen, was du möchtest. Achte aber darauf, das Blatt nicht mit fff, Staccatissimo oder Slaps zu malträtieren. Dies ist DIE Gelegenheit, technische Studien und simultanes Üben zu verknüpfen!

Behalte die Zeit im Auge und stell dir im Zweifelsfall eine Stoppuhr, um nicht zu lange auf demselben Blatt zu spielen. Nach Ablauf der Zeit wechselst du zum nächsten Blatt und spielst wieder fünf bis zehn Minuten darauf. Diesen Vorgang wiederholst du, bis du alle Blätter einmal gespielt hast.

In dieser kurzen Einspielphase wollen wir die Blätter schonend vorbereiten.

Zwischenspiel

Nach dem ersten Einspielen der neuen Blätter müssen diese komplett trocknen, abkühlen und sich „setzen“. Am besten wartest du einfach bis zum nächsten Tag.

Für das Anspielen & Testen brauchst du außerdem noch das folgende Diagramm – einfach runterladen, ausdrucken (am besten in DIN A3), und wenn möglich laminieren.

Download
Diagramm zur systematischen Kategorisierung von Saxophonblättern
Blätter.pdf
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Test-Session Teil II: Anspielen & Testen

Jetzt beginnt der eigentliche Spaß! Zuerst musst du dich selbst wieder einspielen. Beim Einspielen stellst du dir außerdem eine feste Übe-Routine für die folgenden Tests zusammen. Damit meine ich eine feste Reihenfolge von bestimmten Übungen mit einer Gesamtdauer von ca. 10 Minuten. Diese Übe-Routine KÖNNTE z.B. so aussehen:

  1. C Dur über zwei Oktaven, rauf und runter, langsames Tempo, mittlere Lautstärke, gestoßen
  2. Chromatische Tonleiter von c1 bis c3 nach dem Schema „1-2-3, 2-3-4, 3-4-5, usw.“, rauf und runter, langsames Tempo, mittlere Lautstärke, gebunden
  3. Chromatische Tonleiter von c1 bis c3 mit Tonrepetition, jeder Ton vier Mal, langsames Tempo, mittlere Lautstärke, gestoßen
  4. Überblas-Übungen auf dem tiefen B
  5. Ein Ausschnitt aus deinem aktuellen Lieblingsstücck bzw. deiner Lieblingsetüde

Am wichtigsten ist nicht, was genau du spielst, sondern, dass du dir beim Spielen absolut aufmerksam zuhörst und ständig diese beiden Parameter betrachtest:

  • Ansprache – Spricht das Blatt leicht oder schwer an?
  • Klang – Klingt das Blatt gut oder schlecht?

Nachdem du deine komplette Übe-Routine mit einem Blatt durchgearbeitet hast, legst du es auf dem vorbereiteten Diagramm ab. Gemäß deiner Einschätzung ordnest du es Kategorie A, B, C oder D zu. Bist du dir sehr unsicher, oder erscheint dir das Blatt tatsächlich super-ausgewogen, legst du es in der Mitte ab. Dann nimmst du dir direkt das nächste Blatt und wiederholst deine komplette Übe-Routine.

Diagramm zur Kategorisierung von Saxophonblättern © 2016 Benjamin Karaca.
Diagramm zur Kategorisierung von Saxophonblättern.

Prinzipiell ist das Diagramm selbsterklärend. Wichtig ist nur, dass es RELATIV gemeint ist. Du verwendest das Diagramm also, um die aktuell zu testenden Blätter in Relation zueinander zu setzen. Die daraus entstehende Kategorisierung ist nicht in Stein gemeißelt, sondern beschreibt lediglich eine Tendenz.

Test-Session Teil III: Wiederholtes Anspielen und finales Kategorisieren

Okay, du hast jetzt eine handvoll Blätter auf dem Diagramm liegen. Theoretisch müssten sich die Blätter innerhalb einer Kategorie relativ ähnlich verhalten, während zwischen den einzelnen Kategorien wahrnehmbare Unterschiede vorhanden sein müssten. Um diese Theorie zu hinterfragen, wirst du jetzt immer zwei Blätter direkt gegeneinander spielen. Dazu spielst du auf jedem der beiden Blätter dieselbe Übung unmittelbar nacheinander. Diese Übung sollte kurz und aussagekräftig sein, z.B.

  • C Dur über eine Oktave, mittleres Tempo, leise Lautstärke, gestoßen – um die Ansprache zu vergleichen
  • Chromatische Tonleiter über den kompletten Ambitus, mittleres Tempo, laute Lautstärke, gebunden – um den Klang zu vergleichen

Denk daran, dass du die Blätter in Relation zueinander setzen möchtest. Wenn du das Gefühl hast, ein Blatt einer neuen Kategorie zuordnen zu müssen, dann mach es.

Das Anspielen und Kategorisieren solltest du fortsetzen, bis du das Gefühl hast, ein befriedigendes Ergebnis erzielt zu haben (oder bis dir der Kopf raucht!).

Fazit

Viele Blätter zur Verfügung zu haben ist gut. Viele eingespielte Blätter im Koffer zu haben ist sehr gut. Viele eingespielte und kategorisierte Blätter dabei zu haben ist perfekt.

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